Tagträumer – Poesie der Hande

von Redaktion • 12.3.2010 • Kategorie: Puppenwelten

Die Puppengeschöpfe der in Lübeck geborenen und in Hamburg lebenden Sabine Esche sind Zeugnisse einer von dem Zauber des Augenblicks getragenen Begegnung zwischen Künstlerin und Modell. Ihre Schöpfungen sind ­immer Abbilder von Mädchen, die das Glück hatten, Kind sein zu dürfen. Sie lassen sich lesen wie eine ­Geschichte oder betrachten wie einen Film. Dargestellt werden sie ganz ohne eigene „Bühne“; diese muss die eigene Fantasie ergänzen.


Die Nachbildung der Antonie Buddenbrook, einer Figur aus Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“, ist die letzte Puppe, die Esche 1995 als Auftragsarbeit für die Lübecker Firma Morgenrot gestaltete

Firenza wurde diese Puppe getauft. Esche war dem Vorbild vor Jahren in Viareggio unweit von Florenz (Firenze) begegnet

Binchen mit Zopfkranz entstand nach einem Kinderfoto der Künstlerin

Sarah ist Sabine Esches Lieblingspuppe. Als Vorlage diente ein Foto im Magazin Vogue Bambini. Anfangs wusste sie nicht, um wen es sich handelte. Später entpuppte es sich als Stella, eine Tochter der amerikanischen Malerin und Fotografin Sheila Metzner

Lilly entstand nach einem alten Kinderfoto um die Jahrhundertwende

Laura, ein schwedisches Mädchen, gesehen am Timmendorfer Strand

Mal mit dem Anflug eines Lächelns, dem Abglanz eines kleinen Geheimnisses, nachdenklich, mal schmollend, mal träumend, machen Sabine Esches Puppen den Betrachter neugierig auf ihre Geschichte. Die Freiheit, die ihrer Schöpferin so wichtig ist, strahlen auch ihre Kinder aus Porzellan aus. Oder ist es wohlmöglich ein Schleier von Unnahbarkeit? Wer weiß? Esche erinnert sich an ihre Kindheit, als sie frei und unreglementiert aufwachsen durfte: am Stadtrand von Lübeck, umgeben von verwilderten Gärten. Viele ihrer wundersamen Geschöpfe wurzeln in lebenden Vorlagen. „Vielleicht“, sinniert sie, „gestalte ich mich selbst, auch wenn die Gesichter anderen Kindern gehören.“ Auf keinen Fall sollen sie schön oder gar süß sein. „Es geht mir hauptsächlich darum, dem Betrachter ihre Verletzlichkeit und Zartheit zu vermitteln. Kinder sollte man gut behandeln, sind sie doch die Zukunft unserer Welt.“


Familienbande

„Mein Lieblingsspielzeug als Kind“, erinnert sich die 1941 ge­­borene Künstlerin, „war eine von den Angestellten unseres Pelzbetriebs genähte Stoffpuppe, gezaubert aus einem Seidenstrumpf. Sie hatte ein besticktes Gesicht, lange blonde Haare aus Hanf und trug ein Kleid, das rot-weiß gemustert war.“ Damals hatte sie sich so sehr eine Puppe gewünscht und war dann tief enttäuscht, als ihre Tante von der Leipziger Messe so ein komisches Ding mit rundem Holzkopf mitbrachte. Heute hat sie nicht eine, sondern gleich zwei Lieblingspuppen, die allerdings unter ihren eigenen Händen entstanden. „Sie lieben die Ruhe, weshalb sie etwas abseits vom Familiengeschehen in einer Ecke sitzen. Andere Puppen gehören inzwischen unseren Kindern.“

Von 1959 bis 1963 absolvierte Esche eine Ausbildung in einer Kunsthandlung in Saarbrücken. Erst 1971, nach ihrer Heirat, fertigte sie ihre ersten Puppen an: aus Stoff und Cernit, Marionetten aus Holz. Acht Jahre später begann sie, mit Wachs zu experimentieren, stellte in Lübeck aus. 1981 entstand ihre erste Serie von Porzellanpuppen. Es folgten Ausstellungen in der Essener Galerie Calico von Ingeborg Schiborr (1984 und 1987) und Paris (1988), wo sie sich mit einer Puppe an einer Ausstellung beteiligte. Mehrere Male stellte sie auch im Reinbeker Schloss aus. 1990 wurde ihr in Florida, USA, der begehrte Doty Award – Doll of the Year verliehen. Bekannt wurde sie auch für ihre Rezensionen in der Publikums- und Fachpresse, im Rundfunk und Fernsehen (1990 bis 2005).

Zufallsexperimente
Initialzündung für ihre künstlerische Karriere war die Geburt ihres ersten Kindes, Tochter Susanne, deren Porträt sie in Ton modellierte. Später förderte der Zufall eine vergilbte Fotografie zutage, aus der ihr die melancholische Anmut im Ausdruck der Gesichter der Kinder ihrer Großeltern – ihre Mutter (das blonde Mädchen mit der weißen Schleife), die Tanten Inge und Käthe sowie ihr Onkel Hermann – entgegenblickte. „Ich konnte nicht anders, es war, als bäten sie darum, aus dem Rahmen befreit zu werden.“ So kam es, dass sie dem Drang nachgab und die eindringlichen Kinderporträts aus einer wachsähnlichen Masse nachempfand. Das war wie eine Sternstunde. Und so „malte“ sie zehn Jahre lang dreidimensionale Porträts, sprich Puppen, von Kindern und ihren Gefühlen, ihren Gedanken. Weil es die Aura und Anmut von Kindern, den zarten Schmelz ihrer makellosen Haut aufs Schönste einfängt, wurde Porzellan ihr bevorzugtes Medium.

Von Mund geblasene Augen sind Sabine Esche wichtig. Für eine Puppe wie Nora wählt sie honiggelbe, für ernst blickende, selbstbewusste Puppen hingegen Husky-Augen, um einen be­­stimmten Ausdruck zu vertiefen. „Glücklicherweise fand ich einen ­Künstler, der meine Ideen meisterhaft umsetzt.“ Immer wieder
kann sie beobachten, dass Puppenliebhaber sich in Puppen vergucken, die ihnen ähneln oder in denen sie sich, bewusst oder unbewusst, wiedererkennen.

Herzensregungen
Am Anfang steht immer ein Werkstattmuster, nach welchem sie das jeweilige Modell als Einzelstück erarbeitet. Der Stoff für die von ihr entworfene Puppengarderobe ist immer für ein einziges Modell bestimmt und ist somit ein Unikat. Zu erwerben sind ihre Puppenkinder in Europa, den USA und in Kanada – in strikt limitierten Serien. „Nur ein kleiner Kreis“, erklärt Esche, „kennt meine großen Porzellan-Originale, aus denen zum Teil die limitierten Vinyl-Sammlerpuppen für sigikid und später Götz entstanden.“ Inzwischen sind die Porzellanpuppen, die, wie all ihre Puppen, während einer Zeitspanne von zehn Jahren entworfen wurden, als Liebhaberstücke in alle Winde verstreut. Überall erfreuen sie Kinder und Sammler, denn die Sprache ihrer Puppen wird auf der ganzen Welt verstanden. Ganz besonders die Amerikaner lieben ihre Geschöpfe. „Bei uns werden sie auch geliebt, aber anders.“ Eine Engländerin, die eine ihrer Puppen erworben hatte, beichtete ihr in einem Brief, dass sie ihre Hausarbeit vernachlässige. Immer wieder würde sie nach ihr schauen. Sie sei wie eine Rose und berühre ihr Herz.

„Als ich 1995 verlauten ließ, dass es keine weiteren Puppen mehr geben würde, kaufte ein niederländischer Händler fast alle auf.“ Inzwischen gibt es davon nur noch sehr wenige auf dem Markt. Nach 1995 war Sabine Esche vom vielen Arbeiten an Serienpuppen sehr erschöpft. Der fremdbestimmte Arbeitsrhythmus hatte zu sehr an ihren physischen, psychischen und kreativen Kräften gezehrt. Es war Zeit für eine Pause. Sie lernte, ein Instrument, die Klarinette, zu spielen. Mit dem für das Sternzeichen Steinbock typischen Hang zur Perfektion übte sie unermüdlich, bis sie gut genug war, mit ihrem Mann und Freunden Hausmusik machen zu können. Zwischendurch immer wieder der Versuch, sich erneut in die Arbeit zu stürzen. Doch die Zeit war noch nicht reif.

Weg zurück in die Puppenszene
Erst, als im Jahr 2006 Sohn Tobias ihr eine eigene Internetseite (www.sabine-esche.de) eingerichtet hatte und ihr elektronischer Briefkasten vor Fanpost fast überlief, kehrte ihre Kreativität zurück. Man hatte sie also nicht vergessen. Im Gegenteil. Menschen, die sie nie gesehen hatten, ermutigten, ja drängten Sabine Esche dazu, mit ihrer Arbeit nicht nachzulassen. Tochter Susanne, Sohn Tobias und ihr Mann ebenfalls. Endlich fühlte sie sich wieder hoch motiviert. „Das Schönste wäre natürlich, wenn ich meine Fans bald mit neuen kleinen Puppen erfreuen kann: ganz fein modelliert, mit Hilfe einer Lupe bemalt und schön im Ausdruck.“ Schon jetzt schwirrt ihr Kopf vor neuen Kleiderideen. In einem kleinen Laden unweit von Genf findet sie in der Altstadt immer wieder zauberhafte alte Dinge, mal zur Dekoration, mal zum Verschönern der Puppen erstanden und gesammelt. „Sie warten förmlich darauf, ihre Bestimmung zu finden. Aparte Hüte haben es ihr besonders angetan. Gerade kleinere Puppen kann sie sich, hübsch behütet, gut vorstellen. „Die kleinste Puppe wird etwa 27 Zentimeter, die größeren bis zu 40 Zentimeter messen.“

Bisher scheute sie davor zurück, ihre kleinen Enkel, die Zwillinge ihrer Tochter Susanne, ein Junge und ein Mädchen, zu model­lieren. Nun aber, da sie vor Kurzem die Familie in Rom besucht hat, ist sie Feuer und Flamme für die Idee. „Es war ein besonders ­schöner Tag, als ich zum ersten Mal den Fuß in den Petersdom setzte und all die wunderbaren Werke berühmter Künstler bestaunen konnte.“ Das war ein weiteres auslösendes Moment für die innere Flamme ihrer Kreativität.


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