Mit Fabelwesen auf Du und Du
von Redaktion • 30.12.2009 • Kategorie: PuppenweltenEs sieht ganz so aus, als habe die Bielefelderin Sabine Vogel das, was die Japaner ein Blumenherz, hananokokoro, nennen. Das hat man, wenn das Blumenhafte das Handeln eines Menschen, auch andere Lebens- oder Schaffens-situationen bestimmt. Die intensive Wahrnehmung und stille Beobachtung der Natur, die sinnliche Verbindung mit den Blumen, so sagt man, zwinge zur inneren Ruhe, Heiterkeit und Ausgeglichenheit. Und drängt in Sabine Vogels Fall zu gelebter Kreativität: Fantasyfiguren, Plastiken, Skulpturen, Künstlerpuppen.


Sabine Vogel im Atelier

Larinda, die kleine Meerjungfrau ist der Figur aus Hans-Christian Andersens Märchen nachempfunden

Nikodemus, Graf Morgula scheint einer Fantasiewelt entsprungen

11ling auf dem Pusteblumensamen

Das Filigrane des 11lings wird im Größenvergleich mit einem Fingerhut erst richtig deutlich

Zauberhaftes Fabelwesen: Ahmad, der Dschinn

Auch Büsten, wie „John Doe“ oder „Caeruleus“ gehören zum Werk Sabine Vogels
Kommunizieren auf zwei Ebenen
Sabine Vogel kommuniziert mit dem Betrachter auf zwei Ebenen: durch ihre dreidimensionalen Geschichtenerzähler und durch das Worte-Schmieden von dazugehörigen Abenteuern. Ständig ist sie auf der Pirsch nach einer eigenen Sprache, um die Essenz, die Seele ihrer mythischen Wesen sichtbar zu machen. Eingesponnen zwischen Traum und Wirklichkeit wirkt sie eigene Märchenfäden in die leblose Plastilinmasse, die sie noch Minuten zuvor scheinbar ziellos hin und her bewegt hat. Dann zieht sie Charakter gebende Gesichtszüge buchstäblich an der Nase herbei. Fast so, als wäre sie das Werkzeug ihrer rätselhaften Geschöpfe. Mit allen muss sie sich identifizieren können, sonst kann sie ihnen keine Seele einhauchen.
Eine Bewunderin ihrer Kunst sagte: „Das Besondere an Sabine Vogel ist, dass sie hervorragend modellieren kann und zudem ganz außergewöhnliche Ideen hat. Ihre Puppen sind so gestaltet, dass sie auch Leute ansprechen, die mit den herkömmlichen Künstlerpuppen nicht viel anfangen können. Sie ist eine Bereicherung der Puppenszene.“ Und klingen beim Betrachter eigene Erinnerungen und fantasievolle künstlerische Ausführung zusammen, erfindet er eigene Geschichten. Sabine Vogel empfindet es als spannend, die immense Bandbreite der Gestaltung von Puppen auszuloten, denn jede neue Aufgabe belohnt sie mit frischen Herausforderungen.
Myriaden von Mythen
In den von ihr erfundenen mythischen Porzellanwesen pocht auch ein Teil ihres Herzens. Schmückendes Beiwerk wie etwa die mit Lederbändern eingefassten oder mit Goldperlen verzierten Kleider, die goldenen Ringe an Daumen und Zehen, die aus Porzellan aufmodellierten, vergoldeten Armbänder, die rätselhaften oder verträumten Blicke aus von Mund geblasenen Lauscha-Kristallaugen, vertiefen die Aura. Es ist, als hätte der Atem alter Märchen und Sagen ihre geheimnisvollen Kreaturen samt ihrer Gewänder durchweht. Ihre menschlichen Figuren aus Porzellan wirken dank der zahlreichen, unauffälligen Gelenke, die den Körpern ihrer „Beautiful Beasts“-„Homo gracilis“-Serie durchziehen, erstaunlich lebendig. Diese ermöglichen beispielsweise nicht nur ein hohes Maß an Beweglichkeit, sondern auch eine beredte Körpersprache, durch welche sich ihre Emotionen mitteilen und sich ihre eigenständige oder eigenwillige Persönlichkeit zeigt.
Auch wird der Betrachter dazu animiert, die Puppen selbst zu bewegen und in Szene zu setzen. Zauberhaft sind die Namen ihrer von Geheimnis umwobenen Kreaturen: Prinz Wu-Han, Graf Nikodemus und seine schöne Braut Liss, der „Dschinn“, der 1.000 Jahre lang in einer Lampe eingesperrt war, Weltenbummler Ahmad und sein skurriler Wander-Ogel, das scheue „Schneckenkind“, „Punker Willi – eine Sterntätowierung für jede Sünde“ etwa, „Die Rudis“, „Die Vins“, „Geburt der ersten Seele,“ natürlich der elf Zentimeter messende „11ling auf der Rennstrecke“ und der 11ling, der angeweht kommt auf den Fallschirmwinzlingen, sprich Samen einer Pusteblume. Und wie es sich für einen 11ling gehört, hat er spitze Öhrchen. „Angkor“, ein Relief aus Hartgießmasse, wurde inspiriert von den Steinornamenten am Tempel Angkor-Wat in Kambodscha. Die „Geburt der ersten Seele“ und die Ergänzung zum Thema, nämlich die Skulptur „Muschelkind“, berührt. Als Hans Christian Andersen-Fan war die Umsetzung seiner Geschichte von der kleinen Meerjungfrau natürlich ein Muss. Die Hauptfigur stand Pate für „Larinda“.
Dreidimensionale Geschichtenerzähler
Wie man sieht, ist es Sabine Vogel wichtig, eine ihr seit früher Kindheit vertraute literarische Fantasie als ihre eigene Vision neu zu erschaffen und die ursprüngliche Substanz zu verdichten. Immer mehr ist sie davon fasziniert, Puppen mit Ecken und Kanten zu schaffen. Momentan entsteht gerade eine fiktive Piratengestalt. „Nein“, sagt sie, „es ist nicht, wie man vielleicht glauben könnte, Long John Silver aus „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson“, sondern „Der schwarze Hai“. Er stellt meine persönliche Mischung aus piratentypischen Charaktereigenschaften dar. Ich wollte einen Mann gestalten, dem das Schicksal übel mitgespielt hat und welchem kurz vor dem ihm sicher geglaubten Ende eine Wende der positiven Art bevorsteht. Und alles einer einzigen guten Tat wegen, die somit belohnt wird. Allerdings habe ich ihm dies bis jetzt noch nicht verraten“, sagt sie schmunzelnd.
Frauen will Sabine Vogel jetzt öfter machen, denn ihre Männerfiguren haben signalisiert, dass sie einsam sind. Die Frauen werden sogar noch beweglicher sein, denn sie sollen 14 Gelenke – im Kopf, in der Taille, in der Schulter, in den Ellenbogen und in den Handgelenken, in der Hüfte und in den Fußgelenken – erhalten, ganz wie die Männer. Nur, dass die Ellenbogen und die Knie dann ein Doppelgelenk haben und somit um 180 Grad angewinkelt werden können.
Puppen als Zauberstab
Betrachter spüren das Vergnügen, das Sabine Vogel empfindet, wenn sie mit dem Zauberstab namens Puppenkunst Wunder und Staunen austeilt. Sie bringt es immer wieder fertig, ihre Geschöpfe stimmungsvoll zu inszenieren, ihnen einen auf ihre Geschichte oder Erlebnisse zugeschnittenen, stimmigen Lebensraum zu schaffen. Kein Wunder, dass sie mit begehrten Preisen geehrt wurde: 1992 mit dem 1. Preis für Punker „Rufio“, 2003 mit dem Max-Arnold-Kunstpreis und einem Preis bei einem Internationalen Wettbewerb in Oberhausen. 1994 verlieh ihr ein Duisburger Verlagshaus den „gläsernen Feenstab“ für „Manu“, den Jungen aus der Urzeit. Bühne für ihre Fantasiegestalten war in der Vergangenheit das Museum der Deutschen Spielzeugindustrie mit einer Ausstellung zum Thema „Zwischen Wirklichkeit und Fantasie“, „Puppen, Figuren, Objekte“, „Menschenkinder“, „Puppenkunst – Die Zehnte – Zahlenspiele“ und im Rheinischen Industriemuseum Oberhausen zum Thema „Verzaubertes Eisen“ und „Die Wunderbare Welt der Puppen“. Auch auf den Puppen-Festtagen in Eschwege ist sie stets ein gern gesehener Gast, wie auch in Mühldorf auf dem Internationalen Festival der Puppenkunst, der Doll-Art Darmstadt und beim Verband europäischer Puppenkünstler in Neustadt. Ihre Schamanen in Puppengestalt haben ihre Geschichten noch lange nicht zu Ende erzählt. Wir dürfen gespannt bleiben. Auf dass sie alle ein Happy End finden.

Viel Wert legt die Künstlerin auf die passenden Kostüme ihrer Figuren, wie hier bei der „Die Braut des Grafen“

Cool: „Willi – ein Stern für jede Sünde“
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[...] Heft ist ein sechsseitiger Bericht über meine Puppen. Sie können den ganzen Artikel online lesen: Mit Fabelwesen auf Du und Du, oder noch besser, Sie holen sich das Magazin im nächsten Zeitungsladen, es lohnt [...]
Wunderschöne Brüder und Schwestern habe ich seit meinem Auszug bekommen! Ganz großes Kompliment an meine / ihre geniale Schöpferin.
In meiner süddeutschen Heimat geht es mir immer noch prächtig, ich bin wie stets der vielbewunderte Mittelpunkt im “Puppenzimmer”.
Liebe Grüße und weiterhin viel Erfolg,
Tadzio und Ute <3