Sangkancil – Puppentheater gegen die Armut

von Redaktion • 30.12.2009 • Kategorie: Puppenwelten
• Ausgabe 01/2010


Das Thema Puppen ist im islamischen Malaysia nicht im Fokus der Öffentlichkeit, da man nicht gewohnt ist, mit Puppen im europäischen Sinn zu spielen. Dennoch wurde hier in den 80er-Jahren ein Puppentheater mit pädagogischen Zielen entwickelt: Sangkancil. Sang steht für Zauber, Kancil für den im Dschungel lebenden, weltkleinsten Paarhufer, der in der malaysischen Literatur als eines der klügsten Fabelwesen gilt. Der Zauber Sangkancil und seine Mitstreiter lehrten Kindern spielerisch die Grundlagen der Körperpflege und wurden so zum Symbol für Kinder in Armutsregionen.



Die Puppen wurden den Gewohnheiten ­ Malaysias gemäß gekleidet. Die ­ Großmutter erhielt einen Sarong


Die Puppe Leela überzeugte die Kinder mit ihrem ­Zahnpasta-Lächeln davon, ­täglich Zähne zu putzen



Die Bösewichte Fliege, Ratte und Mücke


Judith Huerzeler mit Mat Jenin, Christine Lee mit Leela, Schauspieler Musa mit Boyo, Ilse Noor mit der Ratte

Die Idee für die Gesundheitsinitiative in Malaysia kam vom Chefarzt der gynäkologischen Abteilung der Universitätsklinik Kuala Lumpur, Professor. Khairuddin Abdul Rashid, der sie seiner mit dem Künstler Khalil Ibrahim verheirateten Patientin Judith Huerzeler unterbreitete. Diese rekrutierte ihren Ehemann sowie die Grafikerin und Illustratorin Ilse Noor, die ihrer Arbeit mit Kindern wegen geradezu prädestiniert dafür war. Sie leitete damals Kindergruppen und Malklassen im Landesmuseum von Kuala Lumpur. Noors Bildpoesie „musiziert“ zwischen ihrer Wahlheimat Malaysia und Deutschland, dem Land ihrer Geburt. „Ich lebe in zwei Kulturen, die trotz aller Unterschiedlichkeit sehr kongruent sind. Sangkancil war mein kurzes Debüt in der Welt des Puppentheaters.“

Puppentheater mit Mission

Das Puppentheaterstück richtete sich an Kinder und Erwachsene in Armutsregionen. Es sollte anregen, mit Gummislippern ums Haus zu laufen anstatt barfuß, sich regelmäßig die Hände zu waschen und in der Nähe der Behausung nichts herumliegen zu lassen, was Maden, Mücken, Fliegen oder Ratten magisch anziehen könnte. Da Noor bis dahin noch nie etwas mit Puppentheater zu tun gehabt hatte, suchte und fand sie versierte Mitstreiterinnen: die Schweizerin Judith Huerzeler und die Engländerin Christine Lee. „Schon bald stellten wir im Bunraku-Stil (Bunraku = tradionelles japanisches Figurentheater) ein komplettes Theater auf die Beine, das sich an der hiesigen Tradition orientierte: leicht abstrahierte Puppen, mit denen sich Kinder und Erwachsene identifizieren können.“ Was Noor vorschwebte, war ein Abglanz des tschechischen Kinderfilmklassikers „Pan Tau“. Einige Leser erinnern sich vielleicht an Herrn Tau, der sich mit Hilfe seiner Zaubermelone in eine kleine Puppe verwandeln konnte. Er brauchte nur den Hutrand mit seiner Hand zu berühren, da ertönte wundersame Musik und es erfüllte sich selbst der exotischste Wunsch des jeweiligen Besitzers der Puppe.

So kam es, dass Herr Tau Pate stand für Sangkancil und das Stück kulturell übergreifend von Kindern und Erwachsenen verstanden wurde. Kein geringerer als der slowakische Pantomime Milan Sládek, der zufällig gerade auf Einladung des Goethe Instituts am Theater in Kuala Lumpur auftrat, gab wertvolle Tipps. Arzthelferinnen der Universitätsklinik hatten an dem Skript der von Shell Companies in Malaysia gesponserten Uraufführung mitgeschrieben. „Wie Herr Tau waren auch unsere Puppen stumm“, so Noor. Begleitmelodien – wie man sie vom indonesischen Schattenspiel Wayang Kulit her kennt, charakterisierten die Puppenfiguren und den Sprecher/Geschichtenerzähler im Vogelgewand, der gleichsam als Vermittler, Weiser und Hofnarr agierte. „Fast eine Pantomime und ganz im Sinne des großen Sládek. Der rote Faden hatte sich während der Proben wie von Zauberhand entwickelt“, erklärte Noor.

Spielerische Aufklärung

Durch das Geschehen auf der Bühne wurden Kinder und ihre Familien mit dem Thema Gesundheitsbewusstsein, Zahngesundheit, Hygiene und Körperpflege konfrontiert – spielerisch, kindgerecht und amüsant. Ohne erhobenen Zeigefinger oder vordergründige Botschaftsverkündung prangern Puppen beherzt an, schlagen simple, praktische Lösungen vor.

Noor hatte sich zwar während ihres Studiums in Köln auch der Filmanimation gewidmet, von Bühnen- und Puppendesign jedoch hatte sie keinen blassen Schimmer. „Weshalb ich lange experimentieren musste, bis ein komplettes Puppentheater auf die Beine gestellt war. Die Puppen, die wir um 1980 herum ­schufen, waren lebensgroß und folgten, auf unseren Füßen stehend, un­seren Bewegungen.“

Schöpferische Arbeitsaufteilung

Die Besetzung bestand aus einer von Noor gestalteten Ratte (Si Tikus) und einer Sonne aus Fiberglas (Symbol für Vitamin C, Schönheit und Gesundheit). Die Sarong-tragende Großmutter wurde von Judith Huerzeler gemacht. Zu den Hauptdarstellern zählten auch zwei Jungen, Boyo und Mat Jenin sowie ein Mädchen namens Leela. Noor gestaltete ihre Pappmascheeköpfe, Christine Lee ihre weichen Körper. Lee schuf auch das Kleid für den Zauberer Sangkancil sowie das rotbraune Vogelgewand des Erzählers und die Bösewichter Mücke (Si Njamuk) und Fliege (Si Lalat). Die Puppe des Mat Jenin verkörpert einen in Wunschträumen lebenden Jungen. Mat Jenin ist also jemand, der von den guten Dingen im Leben träumt und darüber die Arbeit vergisst, während Boyo, wild, rauhbeinig und mit einem Mund, der sich öffnen und schließen kann, Symbol für jemanden ist, der gierig alles in sich hineinschlingt. Leela hingegen macht mit strahlend weißen Beißerchen regelmäßige Zahnpflege schmackhaft.

Bewegliche und drehbare Paneele des Bühnenbilds ermöglichten einen schnellen Stimmungswechsel. Die Geschichten nahmen immer einen ähnlichen Verlauf: Alles ist dunkel und schmutzig, die Kinder sind krank. Und dann kommt Sangkancil, die Sonne lacht, Blumen blühen, alles ist blitzsauber – und alle sind gesund.

Zauber von Sangkancil

Die ebenfalls von Shell Companies Malaysia gesponserte Uraufführung mit einem großen Aufgebot an jungen Künstlern war ein Riesenerfolg. „Ab und zu führten wir Sangkancil, das später ‚Strahlen der Sonne – Sinar Suria‘ hieß, auf Feiern und in Schulen auf. Inzwischen sind fast alle Armutsgebiete verschwunden, viele haben eine Wohnung. Doch bis heute lebt der Mythos unserer Truppe unter jungen Künstlern weiter. Irgendwann wird Sangkancil aus seinen Kisten auferstehen. Und mit ihm der alte Zauber.“


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