Vorbote der Moderne
von Redaktion • 12.3.2010 • Kategorie: PuppenweltenWer heute „Jumeau“ sagt, meint damit in erster Linie die kostbaren, in exquisite Seide und hochwertiger Spitzen gekleideten Schönheiten einer vergangenen, gleichsam eleganten wie auch pompösen Epoche. Jumeau-Puppen dieser Jahre waren und sind bis heute teuer. Man sieht es ihnen immer noch an, dass sie damals exklusives Spielzeug für privilegierte Kinder gewesen sind.

Gegründet wurde die Puppenfirma Jumeau 1842; 1899 ging sie bei dem Zusammenschluss verschiedener Firmen in der Société Française de Fabrication de Bébés et Jouets, kurz: S.F.B.J., auf. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Jumeau wundervolle Puppen hergestellt, für welche die Firma häufig bei Industrie- und Weltausstellungen Gold- und Silbermedaillen erhielt. Bereits 1844 wurden ihre Erzeugnisse auf der Pariser Industrieausstellung lobend erwähnt. In der Folge erzielte Jumeau bei allen Weltausstellungen für ihre Puppen Auszeichnungen, die aus heutiger Sicht manchmal nicht recht nachvollziehbar sind. Die auf der Londoner Weltausstellung von 1851 ausgestellten Puppen von Jumeau fand die Jury jedenfalls weniger bemerkenswert als deren Kleidung. Auch die in London anwesenden deutschen Vertreter stimmten mit dieser Beurteilung überein. Wieso? Die Berühmtheit des Namens Jumeau heute resultiert vor allem aus der Qualität der Köpfe: Sowohl Modellierung als auch Bemalung der Biskuitköpfe vermitteln den besonderen kostbaren Eindruck einer typischen Jumeau.
Über das Material der frühen Puppenköpfe ist jedoch nicht viel bekannt; erst 1867 wurden diese in der Begründung mit erwähnt, jedoch nicht das Material. Im Jahr 1873 waren die Köpfe der Jumeaus aus Porzellan. Den Körpern wurde auch damals noch wenig Aufmerksamkeit geschenkt.
Feines Porzellan
Dies änderte sich, als Emile Jumeau, der älteste Sohn des Firmengründers, die Firma übernahm und alle Fertigungsbereiche von den Rohstoffen bis zur fertigen Puppe unter einem Dach vereinte. Die in der Folgezeit entstandenen Puppen sollten den späteren Ruhm der Firma begründen. Die Köpfe sind aus feinem Biskuitporzellan und zart bemalt. Große Augenausschnitte mit ausdrucksvollen Paperweight-Augen beherrschen das Gesicht.
Ein französischer Bericht über eine Ausstellung in Österreichs Hauptstadt Wien konstatierte: „M. Jumeau aus Paris, die erste und wichtigste Puppenfabrik, hat uns von der Verpflichtung befreit, ausländische Porzellanpuppenköpfe zu beziehen“. Mit der Gründung einer eigenen Porzellanmanufaktur in Montreuil hätte sich Jumeau von deutschen Importen endlich unabhängig gemacht. Aber auch endgültig?
Tatsache ist, dass Jumeau auch später noch beziehungsweise wieder Puppenköpfe in Deutschland fertigen ließ. Die deutschen Mitbewerber konnten einfach konkurrenzlos preiswert anbieten. In den späten 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts jedenfalls belieferte die Firma Simon & Halbig Jumeau mit Köpfen, später auch die S.F.B.J. Die frühen Exemplare sind – wie ja fast immer bei Puppentypen, die längere Zeit produziert wurden – sanfter in den Farben als die später entstandenen und wirken keinesfalls billig.
Schwelle zu einem neuen Jahrhundert
Die abgebildete Puppe von Jumeau hat einen Biskuit-Kurbelkopf mit blauen Schlafaugen, einen offenen Mund mit anmodellierter Zahnreihe oben, wie er für französische Puppen typisch ist. Der rote Gummistempel auf dem Nacken besagt: „Tête JUMEAU“. Die Augenbrauen sind braun, in einem langen, gewölbten Bogen mit feinen Strichen gemalt, die fast bis zur Mitte der Nasenwurzel reichen, jedoch nicht die drückende Dichte der frühen Puppen besitzen. Der Mund ist in einem zarten Braunrot gehalten, nach außen abgetupft, mit feinen Betonungsbögen oben. Im gleichen Farbton wie die Lippen sind die Naseninnenpunkte gemalt. Die Puppe besitzt nur unten dunkle, in geraden Strichen gezeichnete feine Wimpern, was bedeutet, dass sie offensichtlich Stoffwimpern hatte, von denen noch Reste zu erkennen sind. Auffällig ist, dass dieAugeninnenpunkte völlig fehlen.
Der Ausdruck des Gesichts der Puppe ist wacher als bei den frühen Kreationen von Jumeau. Der süße, innige Schmelz der Puppen des 19. Jahrhunderts passt nicht mehr in die Zeit, in der diese Puppe entstand. Offen und freundlich begegnet uns dieses Kind an der Schwelle eines neuen Jahrhunderts.
Die Puppe ist 49 Zentimeter groß; sie besitzt einen Gliederkörper mit drehbaren Händen und eine braune Echthaarperücke. Sie trägt alte weinrote Wollkleidung im Matrosenstil. Die Tête Jumeau gehört zur Sammlung Wanke und steht zurzeit im Museum der Stadt Ratingen.
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